Ulrike Fuchs

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Was ist Gaslighting?

Was ist Gaslighting?

Sie sind auf einer Party und lächeln jemanden zu. Sie und Ihre Begleitung führen eine gesunde Beziehung und er bzw. sie wird Ihnen vielleicht sagen: „Liebling, ich bin eifersüchtig.“ Sie reden gemeinsam darüber und handeln möglicherweise aus, wie Sie beide sich auf der Party weiter verhalten wollen.

Gaslighter hingegen kommen nicht auf die Idee, dass dieses unbehagliche Gefühl der Eifersucht mit ihm oder ihr selbst zu tun haben könnte. „Weil du mit anderen flirtest, muss ich leiden!“, denken sie, und als ob diese Annahme allein nicht reichen würde, werden Gaslighter alles tun, damit Sie sich schuldig fühlen, nur weil Sie jemanden angelächelt haben. Sind Sie anderer Meinung als der Gaslighter, werden Sie seinen Zorn zu spüren bekommen: Kritik, Beschimpfungen, Vorwürfe, Schuldzuweisungen oder auch eisiges Schweigen – solange, bis Sie sich endlich „einsichtig“ zeigen. Doch wie geht man mit einer solchen Situation angemessen um?

Was ist Gaslighting?

Beim Gaslighting handelt es sich um Manipulation, emotionale Gewalt bzw. emotionalen Missbrauch. Es ist eine Art von verdecktem Mobbing. Der Gaslighter, also „Gasanzünder“, versucht den Gaslightee, den „Angezündeten“, zu verunsichern und davon zu überzeugen, dass dessen Sicht, sein Verhalten oder seine Beweggründe falsch und inakzeptabel seien. Ziel ist es, den Angezündeten in seinem Gefühl und seinen Gedanken derart durcheinanderzubringen, dass dieser schließlich an sich selbst und seiner Wahrnehmung zweifelt.

In der Praxis beobachte ich immer wieder, dass vom Gaslighting betroffene Menschen vorher selbstbewusst, kompetent und attraktiv waren. Mit dem Gaslighting setzt eine Art „innerer Zerfall“ ein, sie lassen sich in toxische Beziehungen verstricken und zweifeln am Ende an sich selbst. Im schlimmsten Fall kann Gaslighting, wenn man sich nicht daraus löst, in eine Depression führen.

Gaslighter können männlich oder weiblich sein. Man findet sie im weiteren Bekanntenkreis und in der Familie. Sie können Eltern, Geschwister oder erwachsene Kinder sein. Sie können Partner oder Partnerin sein. Kurz gesagt: Gaslighting ist kein Phänomen, das auf eine bestimmte Gruppe Menschen zutrifft, sondern überall vorkommt.

Für Gaslighting bedarf es zwei Menschen: Einem Gasanzünder, der manipuliert, und einem Angezündeten, der in Selbstzweifel fällt und sich den Kopf zerbricht.

Eine Situation, die das plastisch demonstriert, könnte so aussehen: Der Gaslighter macht seinem Gegenüber Vorwürfe und weist ihm Schuld zu, indem er behauptet: „Du kannst mit Geld einfach nicht umgehen.“ Das Gegenüber könnte lachen und antworten: „Das siehst du vielleicht so.“ Ein Gaslighting-Opfer aber beginnt, sich zu rechtfertigen, und sagt: „Bin ich nicht. Ich musste das tun, weil …“ Nach dieser Auseinandersetzung mit dem Gaslighter fällt das Gaslighting-Opfer in Selbstzweifel, ob sein Umgang mit Geld möglicherweise doch falsch ist.

Die gute Nachricht lautet aber: Wenn Sie unter Gaslighting leiden, haben Sie den Schlüssel selbst in der Hand, sich aus diesem Gefängnis zu befreien. Ich sage nicht, dass es einfach sein wird und vielleicht brauchen Sie etwas Zeit, aber es ist möglich.

Wie wirkt Gaslighting?

Gaslighting entsteht nicht plötzlich über Nacht, sondern entwickelt sich langsam und allmählich. Und das ist manchmal gar nicht so einfach zu erkennen. Die meisten Menschen, die Gaslighting erleben, tappen schleichend in die Manipulationsfalle hinein.

Gaslighter können anfänglich sehr charmant und irgendwann sehr unverschämt sein. Auf viele wirkt das oftmals derart bizarr und befremdlich, dass sich Gaslighting-Opfer in dieser Phase zwar wundern, aber das Verhalten abtun: „Das kann er/sie nicht so gemeint haben.“ Gern auch verwickeln Gaslighter ihre Opfer mit Streitigkeiten, die wie aus dem Nichts kommen und sich scheinbar im Kreis drehen. Das Ziel ist nicht die Lösung eines Konflikts, sondern die Verwirrung des Gaslightees.

Gaslighter und Gaslightee stehen immer in einer Beziehung zueinander: Sie können Mutter und Tochter, Ehemann und Ehefrau oder Chef und Angestellter sein. Beide sind auf ihre Art und Weise voneinander abhängig. Ohne diese Verbindung würde Gaslighting auf unfruchtbaren Boden fallen und einfach verpuffen. Wenn Sie auf der Straße ein wildfremder Passant anraunzt, können Sie es gar nicht richtig glauben, dass ein Mensch so sein kann, aber Sie werden einfach weiter gehen, weil sie persönlich nicht miteinander verbunden sind. Vor Menschen, mit denen Sie in einer wie auch immer gearteten Beziehung stehen, können Sie aber nicht einfach die Flucht ergreifen.

Gaslighting schafft ein hohes Maß an Verwirrung, denn der Gaslighter schiebt seine eigenen Schuldgefühle auf den Gaslightee ab, der dann häufig mit Rechtfertigung reagiert. Er bzw. sie hat den Eindruck, sich erklären und verteidigen zu müssen. Das Selbstwertgefühl sinkt und Gaslightees versuchen vergeblich, wieder mehr Anerkennung vom Gaslighter zu erhalten. Trotzdem hofft ein stiller Teil im Gaslightee, dass der Gaslighter doch endlich zur Einsicht komme und man seine Zustimmung doch noch erhält.

Gaslighting wirkt wie ein schleichendes Gift. Wenn Sie sich ständig erklären oder rechtfertigen müssen, nicht mehr Ihrer Wahrnehmung trauen können und Sie sich sicher sind, dass Sie vorher nicht so waren, kann es sein, dass Sie Opfer von Gaslighting geworden sind. Dazu baut sich langsam eine wachsende emotionale Abhängigkeit auf. Manche Menschen reagieren auf Gaslighting mit steigenden Ängsten oder Depression.

Andere immer verunsichern: Wer macht so etwas?

Die „Gasanzünder/innen“ sind keine bösen Gnome oder garstige Menschen, sondern geht es beim Gaslighting häufig um Macht und Kontrolle. Vor allem, wenn ein Mensch unsicher ist und mit dieser Unsicherheit nicht umgehen kann, kann das seltsame Formen annehmen. Wenn wir Angst haben, wollen wir Sicherheit bekommen. Wenn wir scheinbar alles in der Hand haben und kontrollieren, meinen wir, der Angst Herr werden zu können.

Gaslighter drehen den Spieß um, indem sie ihr Gegenüber versuchen zu verunsichern. Das passiert häufig unbewusst und nicht aus Gemeinheit, dafür allerdings ohne Rücksicht auf Verluste. Manchmal kann es Teil einer Persönlichkeitsstörung sein, wie beispielsweise bei Narzissmus oder Psychopathie. Gaslighting kann viele verschiedene Gesichter zeigen, aber es gibt deutliche Anzeichen für Gaslighting:

Gaslighting – 15 Anzeichen für Manipulation

  1. Sie beginnen, sich selbst übermäßig zu kritisieren – was Sie vorher nicht getan haben. Ihre Selbstkritik fällt deutlich härter aus als sie es von sich kennen.
  2. Sie entwickeln vermehrt Selbstzweifel. Oft fragen Sie sich im Nachhinein, ob Sie richtig oder falsch reagiert haben und ob Sie vielleicht nur „zu empfindlich sind“.
  3. Der Gaslighter sagt Ihnen, was Sie zu denken oder zu fühlen haben. „Mir zuliebe könntest du schon etwas glücklicher sein“ oder „Ich weiß schon, dass du das mit Absicht gemacht hast“ sind zwei seiner typischen Sätze.
  4. Gaslighter behaupten zu wissen, wie andere Menschen Sie wahrnehmen, also dass Sie beispielsweise egoistisch oder überheblich seien: „Alle Kollegen denken, dass du nur an dich denkst und nicht bereit bist, Überstunden zu machen.“
  5. Gaslighter neigen zu Lügen, Verleugnungen, Übertreibungen und Täuschungen. Sie behaupten überzeugend, dass Sie etwas getan oder gesagt hätten, an das Sie sich nicht mehr erinnern können oder das Sie selbst ganz anders wahrgenommen haben.
  6. Sie selbst entwickeln immer öfter Schuldgefühle im Kontakt mit dem Gaslighter. Das ist nicht ungewöhnlich, denn Gaslighter arbeiten häufig mit Schuldgefühlen. „Weil du … muss ich …“-Sätze sind hier sehr auffällig. Das hört sich zum Beispiel so an: „Weil du mich provoziert hast, musste ich mich zurückziehen und konnte mich nicht bei dir melden.“
  7. Abwertungen und Erniedrigungen gehören ebenfalls zu Gaslighting. Wenn ein Gaslighter fragt: „Warum verhältst du dich immer so peinlich?“, tut er das nicht aus echtem Interesse, sondern er impliziert hier einen versteckten Vorwurf. Und: Ganz perfide wird es, wenn Gaslighter vermehrt Hoffnung machen. Das geschieht allerdings immer mit einem sehr egoistischen Motiv: Sie sollen emotional abhängig werden.
  8. Sie entwickeln langsam aber sicher eine emotionale Abhängigkeit. Dies ist ein besonders auffälliges Anzeichen, wenn Sie vor der Beziehung nicht dazu geneigt haben.
  9. Sie werden unsicher und suchen beim Gaslighter nach Anerkennung. Er soll Ihnen die Sicherheit schenken, die Sie in sich selbst gerade nicht spüren.
  10. Gaslighter machen häufig leere Versprechungen. Sie erklären eine bestimmte Absicht, tun aber etwas ganz anders: Ihr Verhalten passt nicht mit ihren Worten zusammen. Sicher kann es immer mal passieren, dass man ein Versprechen brechen muss, aber Gaslighter betreiben gezielt diese Strategie. Vor allem sind sie nicht daran interessiert, eine Klärung bzw. eine Lösung zu finden.
  11. Typisch für Gaslighting sind Drohungen und emotionale Erpressung. „Wenn du nicht … , dann muss ich …“, ist eine sehr markante Formulierung. Manchmal drohen Gaslighter auch mit Suizid, wenn man sich nicht so verhält, wie sie es sich wünschen.
  12. Kennzeichnende Verhaltensweisen beim Gaslighting sind auch Mauern, Ignorieren und mit Beleidigtsein den anderen zu bestrafen.
  13. Dritte Personen werden zu Verbündeten des Gaslighters. Selbst Freunde und Familie sind scheinbar plötzlich auf seiner Seite. Das liegt daran, dass Gaslighter häufig erfundene Geschichten und Lügen verbreiten und Intrigen anzetteln.
  14. Aus Sicht des Gaslighters haben immer die anderen Schuld. Spricht man Gaslighter auf das eigene Verhalten an, leugnen sie oder beschuldigen andere. Im Zweifel sind Sie sogar verdächtig, weil Sie nach Klärung suchen. Gaslighter verdrehen die Realität zu ihren Zwecken. In einer gesunden Beziehung hingegen sucht man nach Klärung und stiftet nicht Verwirrung.
  15. Wenn Ihr Bauchgefühl Ihnen in einer besonderen Situation sagt: „Hier ist etwas seltsam“, wird der Gaslighter Ihnen weismachen wollen, dass alles völlig „normal“ sei und etwas mit Ihrer Wahrnehmung nicht stimme. Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl!

Was hilft bei Gaslighting?

Der erste Schritt ist, die zu erkennen:  Die permanente Verwirrung, die Sie erleben und die vorher nicht da war, ist nicht normal. Wenn Sie sich mit dem Gedanken erwischen: „Mensch, ich war doch früher ganz anders. Und jetzt fühle ich mich so unsicher und mies“, kann es sinnvoll sein, sich an einen guten Freund zu wenden oder sich therapeutische Unterstützung zu suchen. Häufig begreift man das Ausmaß von Manipulation erst im Nachhinein. Außenstehende können einem dabei helfen, wieder einen klaren Blick auf sich und die Situation zu bekommen.

Vor allem ist im nächsten Schritt wichtig, die emotionale Abhängigkeit zu lösen. Zudem kann es im weiteren Verlauf auch sinnvoll sein, zu lernen, dass auch Zweifel und ein „ungutes Bauchgefühl“ fast immer eine Berechtigung haben und es wichtig ist, beides wieder ernst zu nehmen. Denn der beste Schutz vor Gaslighting ist, sich selbst und seiner Wahrnehmung zu vertrauen. Häufig ist es jedoch so, dass Menschen, die Gaslighting zum Opfer gefallen sind, bereits in vergangener Zeit manipuliert wurden. Dann können sie ihrer Intuition nicht mehr vertrauen und beschwichtigen das bizarre Verhalten des Gaslighters. Für Gaslighting-Opfer ist es wichtig zu sehen, dass Gaslighter Manipulation in einer Beziehung als „normal“ empfinden. Hier ist es wichtig, dass Betroffene wieder lernen, wie sich eine gesunde Beziehung anfühlen darf, um den Gashahn zukünftig für immer zuzudrehen.

Herzlichst, Ihre Ulrike Fuchs
Paarberaterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie

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Foto: Christian Kasper Fotograf München
Lektorat: Corinna Luerweg Hamburg
Grafik: Ulrike Fuchs München

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