Manchmal scheint das Leben seltsame Rätsel und Aufgaben zu stellen, die scheinbar keiner so recht versteht. So dienten Geschichten der Menschheit schon immer dazu, Liebe und Leid besser zu verstehen oder auch dazu, sich gesellschaftlich zu unterhalten und sich einander näherzukommen.

Die folgende irische Geschichte lässt erschaudern – sie handelt von einem Burschen, der – wie wir heute sagen würden – im Storytelling versagte.

An dieser Stelle sei gesagt: Wenn Sie schwache Nerven haben, ist diese Geschichte ungeeignet für Sie. Wenn Sie aber wissen wollen, warum Geschichten erzählen wichtig sein kann, dann lesen Sie weiter…

Storytelling - Die Lebensweisheit vom Geschichtenerzählen

Der Bursche, der keine Geschichte kannte

Es war einmal ein junger Bursche, Paddy Asern, der freundlich und wohl erzogen war. Für jeden hatte er ein nettes Wort parat, und dennoch war er bei den Menschen unbeliebt. Er zog durch die Lande, in der Hoffnung, irgendwann jemanden zu finden, bei dem er willkommen war. Doch in jedem Wirtshaus blieb er allein; wie ein nasser Sack Kartoffeln saß er traurig im letzten Eck.

Die Leute waren zwar gastfreundlich, erhofften sich jedoch von einem Fremden, er könne den Abend mit Liedern oder spannenden Geschichten versüßen. Aber diese Fähigkeit fehlte dem Paddy, er hatte einfach nichts zu erzählen.

Eines Nachts in einer einsamen Gegend, es war spät und Paddy müde von der Wanderung, klopfte er an die Haustüre eines Wirthauses. Es öffnete ihm ein großer, seltsamer Mann mit finsterer Miene:
„Willkommen Paddy Ashern. Komm herein, und erwärme dich am Kaminfeuer!“, sagte er.

Paddy wunderte sich, woher der Mann seinen Namen kannte, jedoch traute er sich nicht zu fragen, denn es wirkte alles seltsam hier. Die beiden aßen und tranken zusammen, dann zeigte der Mann Paddy, wo er schlafen konnte. Müde legte Paddy sich nieder und war bald eingeschlafen.

Aber viel Schlaf sollte Paddy diese Nacht nicht erhalten. Denn kaum war er eingeschlafen, schlugen drei Männer die Zimmertür auf und trugen einen Sarg in den Raum. Der Hausherr schien verschwunden zu sein.

„Wer hilft uns nun, den Sarg zu tragen?“, fragte einer der Männer die anderen beiden.
„Paddy Ashern, wer sonst!?“, antworteten sie.

Angst und Schrecken durchfuhr Paddy. Er musste aufstehen und den Sarg mit den Männern tragen. Sie trugen den Sarg aus dem Haus über Wiesen, querfeldein über Gräben und Hecken. Paddy war völlig durchnässt, schmutzig und zerkratzt. Er brauchte dringend eine Pause, doch jedes Mal, wenn er verschnaufen wollte, traten die Männer ihn mit Füßen und beschimpften ihn. Schließlich kamen sie an eine Friedhofsmauer – einsam und abgelegen.

„Wer hebt den Sarg über die Mauer?“ fragte wieder der eine Mann.
„Paddy Ashern, wer sonst!?“, antworteten die beiden anderen. Paddy musste den schweren Sarg alleine über die Mauer wuchten. Als er das nach großer Anstrengung hinter sich gebracht hatte, erkannte Paddy, dass sie auf einem Friedhof standen.

„Wer schaufelt nun das Grab?“, fragte der eine Mann erneut.
„Paddy Ashern, wer sonst!?“, antworteten die beiden anderen. Die Männer drückten Paddy Schaufel und Spaten in die Hand und er begann zu graben.

Als die Grube ausgehoben war, fragte der eine Mann: „Und, wer öffnet nun den Sarg?“
„Paddy Ashern, wer sonst!?“, antworteten die beiden anderen. Vor Angst und Schrecken wäre Paddy beinahe das Herz stehen geblieben, aber er öffnete den Sargdeckel. Ihm blieb das Blut in den Adern stocken, als er sah, dass der Sarg leer war.

„Wer legt sich nun in den Sarg?“, fragte der eine Mann.
„Paddy Ashern, wer sonst!?“, antworteten die beiden anderen.

Die drei Männer wollten Paddy packen, aber dieser sprang auf, über die Mauer und rannte übers Feld, so schnell wie nie zuvor in seinem Leben. Die Männer blieben ihm aber dicht auf den Fersen. Paddy nahm noch einmal alle Kraft zusammen, um noch schneller zu laufen.
Als er das Licht im Fenster des ersten Hauses sah, schrie er laut um Hilfe. Paddy klopfte panisch an die Türe und stürzte plötzlich ins Haus, sobald diese sich öffnete. Und wer hatte ihm die Türe geöffnet? Ein großer, seltsamer Mann mit finsterer Miene, der Wirt vom Abend zuvor.

Das war Paddy zu viel, er sank zu Boden. Der Wirt kochte zwischenzeitlich in der Küche einen Tee. Sonst war niemand zu sehen. „Ah, du bist endlich wach, Paddy?“, fragte der seltsame Wirt. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen?“
„Schrecklich“, entgegnete Paddy. „Ich bin total fertig von dem, was ich letzte Nacht erlebt habe. Ich bleibe keine Minute länger in diesem Haus. Ich gehe!“ Er zog sich an. Seine Kleidung war trocken, sauber und ganz. Keine einzige Spur von letzter Nacht war zu erkennen.

„Hör mal, Paddy“, sprach der Wirt. „Du hast mir leid getan. Ein Bursche, der ohne Lied und ohne Geschichte einsam umherzieht. Hast du nun eigentlich eine Geschichte, die Du abends am Kaminfeuer erzählen kannst?“
Paddy griff schnell sein Bündel und rannte ohne zu antworten aus dem Haus. Erst nach einer Weile und einigen Kilometern, blickte er noch einmal zurück. Das Haus war verschwunden, er sah nur Felder. Die Schafe grasten friedlich.
„Was für eine Geschichte“, dachte sich Paddy.

…oder doch nur ein schlechter Traum?

Der Autor dieser keltischen Geschichte ist unbekannt.

Die Lebensweisheit vom Geschichtenerzählen

Auf den ersten Blick scheint die Geschichte von Paddy, der zu langweilig für andere war, ein derber Jungenstreich mit schaurigem Unterhaltungswert zu sein.

Aber diese Geschichte beinhaltet ihre Lebensweisheit.

Warum hat ein Mensch wenig zu erzählen? Doch nicht, weil er unkreativ, ein Langweiler oder ein Versager ist. Im Englischen findet sich ein schönes Wortspiel für Menschen, die ohne Geschichte sind: „A man without his story is a man without a history!“
Ein Mann ohne seine Geschichte ist ein Mann ohne Geschichte.
Paddy fand nach der Schreckensnacht seine Lebens-Geschichte.

Es gibt zwei gute Gründe, warum Paddy diese grausame Nacht erleben musste.

Paddy musste spüren lernen. War er doch einer, der vom Leben zu wenig wusste; der immer brav und nett da saß, der einfach erduldete und schwieg – einsam im Eck – in fester Überzeugung, er habe nichts zu sagen.

Auch in der Schreckensnacht geht er, trotz eigener Angst, fügsam mit; trägt selbst den Sarg, gräbt selbst die Grube, erst im letzten Moment wird er wach, lebendig, nimmt sein Schicksal selbst in die Hand und läuft um sein Leben. Dieses Erlebnis hat ihn von seiner ewigen Passivität und Trägheit kuriert!

Der zweite Grund: Seltener erwächst etwas aus Glück, sondern meist aus Leidensdruck.

Lebenserfahrung und Wissen wächst, wenn wir unsere eigenen Grenzen erfahren.
So gehört es auch dazu, zu scheitern und zu versagen. Denn genau dann verabschieden wir alten Ballast und lösen uns von altem Kummer. Manchmal kann das schmerzlich sein, aber es macht immer Platz für Neues.
Paddy hatte nichts zu erzählen und verharrte brav in seinem Leid. Erst die Schreckensnacht hat ihn wach werden lassen. Die Angst um sein Leben und des bevorstehenden Leides hat ihn in Bewegung gebracht.

Was unseren Paddy betrifft: Nun, ich bin überzeugt, jetzt, wo der dem Tod von der Schippe gesprungen ist, kann er genug erzählen über das kostbare, kurze Leben.

Herzlichst, Ihre Ulrike Fuchs
Paarberaterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie

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Foto: Fuchs Fotografie München, Christian Kasper Fotograf München
Lektorat: Friederike Klingholz München

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