Als die Sonne noch flach über dem Horizont stand, packte ich meine Joggingschuhe und ging laufen. Wenn die Sonne den Tag wach küsst, entsteht immer eine besonders schöne Stimmung und jeder Tag ist anders.
Wie auch heute morgen, an dem das Thermometer bereits 25°C zeigte und der Wetterbericht Tageshöchsttemperaturen mit 38°C für München und Umland ankündigte.

Auf Grund des Wetters bevorzugte ich meine Laufstrecke durch den Wald, denn er spendete noch ein wenig kühlen Schatten. Ich genoss die friedliche Stille, bis ich an einen Bach kam. Am plätschernden kalten Bachwasser stand ein Mann, Oberkörper frei, und schien sich gerade frischzumachen.

Selbstbewusst und voller Selbstvertrauen findet sich der passende Weg.

Ich stoppte kurz, lächelte und rief ihm zu, wie herrlich so ein Bach an solchen Tagen sein kann.

Er nickte, trocknete sich ab und zog sich ein T-Shirt über. Dabei entdeckte ich, dass er auf seinem Fahrrad Gepäck dabei hatte. Ich erinnerte mich plötzlich, dass er mir bereits im Herbst das erste mal aufgefallen war. Ein Obdachloser, der hier im Hölzl wohnt, solange das Wetter mitspielt.

Damals stach er mir ins Auge, weil es der erste Obdachlose war, der in seinem Gepäck, was nur das Nötigste ausmacht, Kurzhanteln zum Krafttraining bei sich hatte. Er saß damals auf „seiner" Parkbank und trainierte seine Muskeln. Sein Blick dabei war völlig selbstverständlich.

Ich sprach ihn erneut an, diesmal auf jene Hanteln, die er mit sich trug, und wir kamen ins Gespräch.

Haltung bewahren

Karli erzählte mir seine Geschichte, der Klassiker – Frau und Job verloren, und doch war seine Geschichte anders. Beim Erzählen hatte ich das Gefühl, er ist zufrieden darüber, wie es ist. Mittlerweile ist Karli Mitte 50 und fast 10 Jahre auf Achse, immer allein – verbunden mit der Natur.

Er erklärte mir, dass er seine Frau geliebt habe und trotzdem war sein Drang nach Freiheit so groß. Er habe sich bewusst dafür entschieden, als Selbstversorger von und mit der Natur zu leben und beschloss seinen gut bezahlten Job zu kündigen. Seine Frau war von diesem Schritt logischerweise nicht sonderlich begeistert. So gab es immer wieder Streit und sein Herz brannte weiter – hungrig – nach Freiheit. Ob seine Frau ihn weiter von sich weg trieb oder nicht, das kann ich nicht sagen, es war aber auch nicht wichtig. Ich sah Karlis leuchtende Augen in seinem braungebrannten und gezeichneten Gesicht, als er von seiner Sehnsucht nach Freiheit sprach.

Karli war bereit für diese Freiheit alles auf zugeben. Und er hatte sich selbst geschworen, nie mehr unfaire und falsche Kompromisse einzugehen. „Mit Würde leben", begann er erneut, „das habe ich mir immer vorgenommen. Mit Würde, das bedeutet für mich innerliche Haltung, gerade stehen mit allen Konsequenzen für alles, was ich tue. Ich wollte nicht mehr den Rücken krumm machen müssen, damit andere sich besser fühlen, bloß weil sie sich selbst innerlich klein fühlen. Ich wollte – und will – gerade stehen dürfen, mit allem, was dazu gehört!
Schau dich an, Ulrike, wenn du joggst, läufst du aufrecht. Alles, was du unternimmst, machst du in aufrechter Haltung. So ist es auch bei mir. Ich wollte und werde immer aufrecht gehen.
Und egal, wo dich dein Weg hinbringt", er machte eine kurze Pause, „Bewahre stets deine Haltung!"

Muskeln wollen trainiert werden

Was ich zusätzlich bewundernswert fand: Karli schien sehr viel Wert auf Fitness zu legen.
So mancher konnte ihm nicht das Wasser reichen, weder körperlich, noch geistig oder emotional.

Völlig selbstverständlich erklärte er: „In unserer Gesellschaft legen die Menschen sehr viel Wert darauf gesund und fit zu sein. Sie laufen ins Fitnessstudio und bilden sich regelmäßig weiter. Körper und Verstand sind toll trainiert. Erstaunlich finde ich, dass sich nur wenige mit ihren Gefühlen auseinandersetzen wollen. So ist es natürlich viel leichter, anderen die Schuld für das eigene Unwohlsein zu geben. Ist dir das schon aufgefallen?"

Nickend gab ich Karli zurück: „Oft ist es die Angst vor den Gefühlen. Das Einteilen in gute und schlechte Gefühle bringt viele dazu, unliebsame Gefühle wie Trauer, Wut, Einsamkeit oder Angst an sich so sehr abzulehnen, dass der Umgang mit diesen Gefühlen kaum trainiert werden kann."
Kopfschüttelnd erwiderte Karli: „Alle Muskeln wollen trainiert werden, sowohl der Körper, als auch der Verstand und der Umgang mit jedem Gefühl. Im Alleinsein und der Einsamkeit habe ich am meisten über mich selbst erfahren und gelernt. Heute bin ich dafür sehr dankbar."

Mit Karli, einem Obdachlosen, machte der Austausch riesig Spaß und nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, machte ich mir noch lange Gedanken über unser Gespräch.
In Erinnerung wird mir für immer bleiben:

„Trainiere alle deine Muskeln und behalte dabei stets deine Haltung!"

Herzlichst, Ihre Ulrike Fuchs
Paarberaterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie

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Foto: Fuchs Fotografie München Pasing
Christian Kasper, Fotografie München

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